Unknown Pleasures „Frei von allen Zwängen“ im Babylon Mitte
Vor über 50 Jahren hob John Cassavetes mit „Shadows“ das American Independent Cinema aus der Taufe und prägte damit maßgeblich die Ära New Hollywood und das Cinéma d’auteur. Der neue Weg versprach Selbstbestimmung und eine Unabhängigkeit, frei von allen Studiozwängen. Dafür wurden auch finanzielle Einbußen in Kauf genommen. Kompromisslos Geschichten nach eigenen, individuellen Vorstellungen und Maßgaben zu erzählen, war ausdrücklicher Wille und oberste Priorität.
Im Unterschied zur traditionellen Einwegunterhaltung der Major Film Studios standen hier gewöhnliche Menschen, nicht gesellschaftsfähige Außenseiter, soziale Randgruppen oder Bohemiens und ihre Lebenswelten im Fokus. Bisherige Konventionen wurden auf den Kopf gestellt, klassische Erzählstrukturen durchbrochen und bewährte Genregrenzen neu ausgerichtet.
Mit Jim Jarmusch in den 80er und Spike Lee, Steven Soderbergh oder Quentin Tarantino in den 90er Jahren gelang dem Genre schließlich der Sprung in den Mainstream. Nicht zuletzt waren dafür Boxoffice Hits wie „Sex, Lies and Videotapes“ oder „Pulp Fiction“ verantwortlich. Die unbeugsamen Filmemacher, ihre Stories und ihre Hingabe zum cineastischen Detail, die in mancher Hinsicht in orgiastischen Bilderfluten mündete, wurden zum Vorbild der Generation X und so zum neuen Mainstream.
Fast 30 Jahre später ist nun eine neue Generation junger unabhängiger Filmemacher nachgewachsen. Darunter Aaron Katz, das „enfant terrible“ Harmony Korine, Joe Swanberg oder die Safdie Brüder. Und auch das Genre entwickelte sich weiter und brachte Bewegungen wie das Mumblecore hervor. Mit digitalen Handkameras und einfachen Techniken holten die leisen Rebellen eine sinnliche Bescheidenheit und unaufdringliche Ästhetik in den unabhängigen amerikanischen Film zurück, in dessen Zentrum häufig die Sinnfragen der in die Jahre gekommenen Generation X und die Poesie der Gewöhnlichkeit rückten.
Hannes Brühwiler, Organisator und Kurator von unknown pleasures holt den American Independent Film nun das 3. Jahr in Folge nach Berlin. Viel versprechend startet gleich der erste Tag im neuen Jahr mit einer Regie-Legende. Francis Ford Coppola eröffnet unknown pleasures mit seinem jüngsten Film „Tetro“. Coppola, dessen gesamte Karriere vom Versuch gekennzeichnet war, „Unabhängigkeit zu erlangen, von Geldgebern wie von künstlerischen Vorgaben“ (Hannes Brühwiler), steht programmatisch für die hier ausgewählten Filme. Der komplett selbst finanzierte Film Tetro ist großes Kino mit Vincent Gallo und Klaus Maria Brandauer in den Hauptrollen und erzählt ein Familiendrama um Macht, verlorene Bindungen und die Befreiung von alten Geistern. „The movie is graced with touches of the old Coppola magic.” (Tim Robey, The Telegraph) Ein Muss für Cinephile, denn der Film hat bislang keinen Verleih und wird wohl auch keinen finden. (SA 1.1. 19:30; MI 5.1. 21:15; MO 10.1. 19:30)
Mit Steven Soderberghs und Casey Afflecks neuen Filmen sind zwei Biographien im Programm. „And Everything Is Going Fine“ schildert in Archivbildern das Leben des viel beachteten Storytellers Spalding Gray (1941-2004). (DI 4.1. 19:30; DO 6.1. 22:00; SA 8.1. 20:15)

Großartig sind auch die neuen Filme der jungen Filmemacher, die u.a. 2011 durch die Safdie Brüder, Matthew Porterfield mit „Hamilton“ und „Putty Hill“ oder Gregg Arakis Groteske „Kaboom“ vertreten sind.
Zwei Spezialprogramme sind den derzeit wichtigsten unabhängigen Regisseuren der USA Thom Andersen und John Gianvito gewidmet, deren politische Filme es viel zu selten auf die Leinwand schaffen. Ihre aktuellen Filme stellt unknown pleasures in den Kontext ihrer frühen Arbeiten.
Mit „Trash Humpers“ (zu deutsch: Müllficker) hat das Festival wohl einen der verstörendsten und streitbarsten und damit wohl auch zwanglosesten Filme im Programm. Bekannt für seine albtraumartige Bildersprache schuf der oft als enfant terrible“ bezeichnete Filmemacher und Autor Harmony Korine mit seinem neuen Film einen Trash-Horror aus Nashville/Tennessee, der an die Fotografien William Egglestons oder dessen Videos aus den 70-er Jahren „Stranded in Canton“ erinnert. Und doch ringt Korine seinen derangierten Misanthropen Augenblicke der tiefen Berührung und bizarrer Poesie ab.
Eine postapokalyptische Freakshow, deren Vorbild auch bei dem frühen John Waters zu finden ist. Oder mit den Worten eines Sonderlings im Film gesprochen: „The grizzly facts of what civilization had done to us.“ (SA 1.1. 22:00; DI 4.1. 21:15; FR 7.1. 20:30)
www.unknownpleasures.de/