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Tuesday, February 15, 2011


With a little help from my friends? – 10 Jahre Cinema for Peace

Alljährlich werden auf der Cinema for Peace Gala Filme und Projekte ausgezeichnet, die sich für Humanität, Umwelt und Frieden einsetzen. In diesem Jahr erhält Sean Penn den Ehrenpreis für seine Stiftung J/P HRO in Haiti.

Die Nutznießer des Hollywoodglamours, als Spender getarnte Geldanleger und Image-Aufpolierer kann man schnell von den wahren Idealisten des Abends unterschieden. Schon am roten Teppich erklärt Playboy und Partykönig Rolf Eden der Bild, dass er seit 10 Jahren kommt, weil es die glamouröseste Veranstaltung im ganzen Jahr in ganz Berlin sei. Auch er nennt die Veranstaltung noch immer in einem Atemzug mit der Berlinale, die sich schon seit Jahren ausdrücklich von dem Event distanziert. Festivaldirektor Dieter Kosslick wirft der Veranstaltung vor, sich den Ruf durch die Vortäuschung, Teil der Filmfestspiele zu sein, erschlichen zu haben. Auch unterstellt er dem Veranstalter fehlende Transparenz im Umgang mit den Spendengeldern. Der Begründer der Initiative Cinema for Peace erklärt sich die Vorwürfe mit Neid auf den Erfolg der Gala. Im Gegenzug, lanciert er, dass Dieter Kosslick sich für die gute Sache verweigere, weil er einen Phototermin mit Angela Merkel und Sean Penn für das Charity Projekt J/P Haitian Relief Organization ablehne.
Der streitbare Jaka Bizilj, der sich als einer der weltweit größten Konzertveranstalter einen Namen machte, veranstaltet die Benefizgala in diesem Jahr zum 10. Mal. Alle Jahre wieder schmückt er seine Veranstaltung „Cinema for Peace“ mit öffentlichkeitswirksamen Protagonisten, besonders der Hollywood-Prominenz, im Namen der guten Tat. Dem Begründer der Friedens-Initiative ist die Verpackung wichtig, denn nur die, so glaubt er, ermöglicht eine entsprechende Aufmerksamkeit für die eigentlich im Fokus stehenden humanitären Projekte und gesellschaftskritischen Filme.
Die Viereinhalbstundengala besteht aus Prominenz, Auktionen, Preisverleihungen, zwei Music-Acts und "Romanescosalat an Fichtenpuder“, „Lamm, das sich in einem Petersiliensturm verliert“ und einer „Schokolade, die sich in eine Zuckerrübe verliebt“. Die Verpackung soll verführen und das Geld locker machen.
Doch die Spenden gehen nur mäßig ein. Immer wieder zischt der Veranstalter in den Saal und bittet um Ruhe und Respekt für Redner und die Auktionen. 21 Möglichkeiten - auf einer neben der Bühne hängenden Leinwand angeboten - gibt es, Geld für einen guten Zweck zu investieren. Placido Domingo biete ein Dinner an. Elton John will einen Spender mit zur Oscarverleihung nehmen. Domingos Angebot wird bis 22.30 Uhr für 7.000 Euro ersteigert. Elton John erhält das höchste Gebot des Abends mit 17.500 Euro. Humanitäre Projekte, wie die Genocide Film Library Bosnia erhalten ganze 2.250 Euro. Schnell wird klar, hier spendet niemand gemäß dem Gesetz „Reichtum verflichtet“ einzig für den guten Zweck. Die Gebote sind oft wertvolle Geldanlagen oder Trophäen, die kein wirkliches Opfer verlangen, wie es all diejenigen bringen oder erbrachten, die an diesem Abend ihre humanitären Projekte oder Filme vorstellen. Das Elend der Welt flimmert an diesem Abend unentwegt in gleichbleibend verstörenden Bildern und Geschichten über die Leinwand. Doch im Saal bleibt das Gros gut gelaunt und genießt das Socializing mit Freunden und Bekannten und das erhebende Gefühl für den guten Zweck vom Michelin-Stern-Koch aus der Region beköstigt zu werden und selbstlos Geld für feilgebotene Beutestücke, zu opfern. Ein postmodernes Konzept des Ablasshandels. Die wirklichen Opfer bringen hier andere. Doch ohne das Geld der geladenen Gäste geht es nicht, das weiß hier auch jeder. Also spielt jeder mit. Nur, das Geld sitzt am Valentinsabend nicht so locker, wie erhofft. Enttäuschung beim Veranstalter, der einige Auktionen offen lassen muss, weil niemand mitbietet. Nur 112.088 Euro kommen für die 21  Leinwand-Auktionen zusammen, bei denen zum Teil nicht klar ist, in welche Projekte das Geld endgültig fließen soll. 

Bild: Sabine Brauer Photos
Der andere Teil der Spenden, der über Live-Auktionen während der Gala generiert wird, fließt in die am Abend ausgezeichnete Sean Penn Stiftung J/R Haitian Relief Organization, für die auch Anna Loos und Jan Josef Liefers als Botschafter wirken. In einer Auktion wird auf eine Rolle im Film „The Song of Names“ - der mit Anthony Hopkins und Dustin Hoffman in Halle an der Saale gedreht werden soll, geboten, in einer anderen auf Portraitaufnahmen mit Fashionfotograf Michel Comte.
Hin und wieder kommt es zu Vewirrungen, weil unerwartet Sponsoren die Bühne betreten und die Auktionen unterbrechen oder weil scheinbar verkehrte Auktionsartikel auf die Bühne getragen werden. Wie viel für Penns Stiftung zusammen kam, wird am Ende nicht mehr bekannt gegeben, nur, dass bereits am Nachmittag ein Opel (einer der Sponsoren des Abends), 15 Computer und Care-Pakete gegen Cholera gespendet wurden.

Die Preisverleihungen für den wertvollsten Film und die bedeutendste Dokumentation des Jahres gehen im überfrachteten Abend, der Fülle der eilig vorgestellten Projekte, den Auktionen und den Promi- und Sponsoreninszenierungen fast unter.  Natürlich werden die Idealisten beklatscht und für ihren Einsatz gelobt und bejubelt. Es sind bizarre Momente, die zum Teil makaber wirken. Besonders deutlich wird das nach der Dankesrede Frank Piasecki Poulsens, der für seinen Film Blood In The Mobile mit dem Preis für Gerechtigkeit ausgezeichnet wurde. Er spricht sich gegen Gier und für weltweit faire Löhne aus.  Doch Opel-Vizepräsident Alain Visser, der nach ihm auf die Bühne kommt und den Preis für Umweltschutz und Nachhaltigkeit verleihen soll, nutzt seine Gesprächszeit ungeachtet der Vorrede ersteinmal ausgiebig zur Imagepflege Opels und bewirbt die fortschrittlichen Modelle. Der von Opel Project Earth verliehene International Green Film Award verliert sich im Absatz steigernden Product Placement der Spritsparmodelle.
Zum Abschluss beschwören noch einmal ein paar Idealisten das Publikum. Mit dem Joe Cocker Cover With a little help from my friends spielen Silly mit Jan Josef Liefers an der Gitarre und Reamon eine kraftvolle Hymne auf die Solidarität. Sean Penn hatte sich den Titel für den Abend gewünscht. Am Stand der Spendenuhr ändert das allerdings nichts mehr.

Gewinner wertvollster Film
Xavier Beauvois Of Gods and Men

Gewinner wertvollste Dokumentation 
Sebastian Junger Skateistan

Gewinner des International Green Film Award
Stuart Sender Harmony
Lorenz Knauer Jane's Journey

Saturday, January 22, 2011

I'm Still Here (Casey Affleck)
Unknown Pleasures Festivalbericht

Amerikanisches Independentkino zwischen Mummenschanz und „Cinema vérité“

Ausverkaufter Saal am Abschlussabend von unknown pleasures #3 zum Thom Andersen Special L.A. Plays Itself. Überhaupt gab es in diesem Jahr einen bemerkenswerten Zuwachs an Zuschauerzahlen. Im 3. Jahr scheint die Filmreihe ihr festes Publikum gefunden zu haben.
Mit einer geschickten Filmauswahl zeigte Kurator Hannes Brühwiler 2011 eine kluge Mischung von Independentproduktionen, die sich häufig zwischen Dokumentation und Fiktion, zwischen Fake und Reality bewegten.
Am radikalsten kokettierte vielleicht Casey Afflecks und Joaquin Phoenix’ Mockumentary I’m Still Here mit diesem schmalen Grat. Leslie Felperin (Variety) nannte es „die wohl längste und öffentlichste Art-Performance eines Prominenten, die es je gab.“ Als Joaquin Phoenix 2008 nach Beendigung des Filmes Two Lovers das Aus seiner Schauspielkarriere bekannt gab, um eine Hip-Hop-Karriere zu starten, war niemand sicher, wie ernst seine Absichten waren. Schon vor ihm hatten Schauspieler, wie Mickey Rourke, das schauspielerische Terrain verlassen, um in einer zweiten Karriere – in diesem Fall eine Boxkarriere – ihrem eigentlichen Ich zu folgen. Bei Phoenix glaubten viele an einen publicityträchtigen Schwindel. Skeptische Reporter, die sein Vorhaben versuchten als Scherz zu entlarven, wurden mit Fragen, wie: „Wollen Sie damit sagen, mein Leben sei ein Witz?“, verunsichert. Perfekt gekontert! Bizarre Live-Auftritte bei David Letterman oder in Night-Clubs wie dem Lavo machten schließlich allen glauben, Phoenix stecke vielleicht tatsächlich in einer Identitätskrise. Von einem Schwindel keine Spur mehr. Und doch war es wohl beides, ein abgekartetes Spiel und ein bisschen Joaquin Phoenix, „as a product of his ambition“, wie es ein unbekannter vlogger im Film nennt. „Elliptisch“ sei die Beziehung zwischen Wirklichkeit und Fabelei im Film, hätte Casey Affleck in Venedig behauptet, berichtet Felperin. Sind P. Diddy, Ben Stiller oder Letterman sogar Komplizen in diesem Spiel? Wahr ist vermutlich, dass sich Phoenix zwischendurch immer wieder in sich selbst verliert, vielleicht wohl wissend um die eigene Narrenfreiheit seiner Rolle und den Schutz der Kamera. Respekt für die Performance! In den Box Office Zahlen schlug sich der gigantische PR-Gag allerdings, mit weniger als einer halben Million (408,983 US$) Einspielergebnis, bislang eher mittelmäßig aus.


Putty Hill (Matthew Porterfield)
Filmemacher, wie Matthew Porterfield (Putty Hill, Hamilton), Alejandro Adams (Canary), Kentucker Audley (Open Five) oder Thom Andersen (L.A. Plays Itself) inszenieren ihre Filme mit weniger Pomp. Sie ergründen das ‚Reale’ im Fiktiven zwischen „Cinema vértité“ und „Direct Cinema“.
In einer Synthese aus epischem Realismus und klassischer Dokumentationsform wie dem Interview, sucht Matthew Porterfield in seinen Filmen das Authentische in der Vorstadtödnis Amerikas. Filme, wie Putty Hill und Hamilton sind Milieustudien, die das Psychogram einer am Rand lebenden Arbeitergesellschaft abbilden. Porterfield zeigt Menschen, die an der Tristesse ihres bedeutungslosen Alltags ersticken, wo Trauerfeiern in Karaokebars im Kreis fremder Vertrauter stattfinden und junge, arbeitslose Väter Paintball spielend durch Wälder wildern.
Der Trivialität als Schauwert von Wirklichkeit stehen improvisierte Dialoge und präzise Beobachtungen menschlichen Verhaltens, wie im Mumblecoremovie Open Five oder Canary, einem anderen Microbudgetfilm im unknown pleasures Programm, gegenüber. Anders als Coppola, der mit Tetro (Eröffnungsfilm der Reihe) ein beinahe „theatrales Produkt“ entwickelt, in dem er Protagonisten wie Konflikte „bis zur letzten Szene programmiert und beherrscht“ (Martin Daßinnies), lassen Kentucker Audley und Aljandro Adams ihre Figuren frei. In ihrer improvisierten Performance enthüllt sich eine spröde Wirklichkeit, die in Methode und Stil an die „Berliner Schule“ erinnert. Das Echte, das Authentische entblößt sich in präzisen Beobachtungen, in denen sich Gesellschaft im Kleinen spiegelt.
Thom Andersen führt das Spiel um Wahrheit und Fiktion im Film, am Abschlussabend des Festivals, mit seinem Filmessay L.A. Plays Itself schließlich ad absurdum. Im Film, der gleichzeitig Hommage und Satire ist, formuliert Andersen seinen irrsinnigen Anspruch auf ein echtes Abbild, seiner Heimatstadt, der Filmmetropole Los Angeles, im Film. Mit süffisantem Ton demaskiert er Hollywoods prahlerische und groteske Inszenierungen und beschreibt das ‚wahre’ Gesicht der Schauplätze in L.A. und deren Geschichten.

Trash Humpers (Harmony Korine)
Last but not least trieb Harmony Korine diesen Authentizitätsanspruch mit Trash Humpers dialektisch auf die Spitze. Ein aus VHS-Fragmenten bestehendes Vorstadt-Snuff-Video, das als Rentner maskierten Personen folgt, die in norm- und sinnbefreiter Anarchie geil auf Müll sind und albtraumartig und gesetzlos durch ihren Vorort ziehen. Korines Zynismus ist kaum zu überbieten.

Im ferngesteuerten Medienzirkus, in dem Glaubwürdigkeit von Unglaubwürdigkeit kaum zu unterscheiden ist, sucht das amerikanische Independentkino offenbar nach Wegen, persönliche Wahrheiten sichtbar zu machen. Vielleicht, um zu berühren oder um ein bisschen Licht in unsere Höhle voller Schatten zu werfen. Einige Filmemacher bedienen sich dabei klassischer Methoden, während andere die Welt zum Narren halten, um ihnen im Grotesken den Spiegel zu zeigen. Manchmal muss man „sich erst verkleiden, um die Welt zu demaskieren. (Günter Wallraff)