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Wednesday, December 09, 2015

“Sivas” von Kaan Müjdeci


Aslan (Doğan Izci) freundet sich mit Hund Sivas an. © la Biennale di Venezia


Wo die wilden Kerle wohnen

“Das einzige Problem, das wir heute haben, ist die Welt der Männer, weil sie die Ursache allen Übels sind.” (Kaan Müjdeci)
Mit seinem ersten Spielfilm “Sivas” debütierte Regisseur Kaan Müjdeci direkt im Wettbewerb der 71. Mostra del Cinema di Venezia neben Regisseuren wie Peter Bogdanovich, Roy Andersson oder David Gordon Green. Den Berliner Lokalmatadoren kennen die Kreuzberger eher aus der Oranienstraße, wo der gebürtige Türke mit seinem Bruder das Café Luzia und den Voo Store betreibt. Seit einiger Zeit widmet er sich seiner zweiten Leidenschaft, dem Filmemachen.
Der 33-Jährige macht sich in der ländlichen Welt Anatoliens mit ihren archaischen Gesellschaftsstrukturen auf die Spurensuche nach dem Prinzip “Mann”. Seit Jahrhunderten herrscht dort eine patriarchale Ordnung, eine clanbasierte Manneskultur, in der Frauen nur marginal auftauchen und noch weniger eine Rolle spielen. Und wie um diesen kulturanthropologischen Aspekt zu belegen, dominieren fast ausschließlich Männer das Bild in Müjdecis Film. Sie sind laut und wenig zimperlich. Tritte, Schläge, Flüche, Waffen und Männerrunden, gehören zu einem Alltag, der nicht im Kern hinterfragt wird. Blutige Hundekämpfe entscheiden die soziale Rangfolge im Clan. Wie Brüder oder Söhne, sagen sie, lieben sie ihre Hunde und schicken sie doch in die Schlacht auf Leben und Tod. Die Idee von Fürsorge ist hier so sanft wie nur ein Metzger zum Schwein sein kann.
Auch die Mütter packen ihre Kleinen härter an als man vermuten würde. Aslan ist so ein Kleiner, ein selbstbestimmter Elfjähriger mit durchdringendem Blick, einem besonders dicken Fell und jeder Menge Kraft und Liebe. An seiner Seite ist Sivas (dt. Sebastian), ein anatolischer Schäferhund, der nach einem verlorenen Kampf verletzt sich selbst und seinem Schicksal überlassen bleibt. Aslan nimmt ihn zu sich, will ihn zum Freund und hofft gleichzeitig damit seine Stellung auch in der Klasse und bei seiner heimlichen Liebe Ayse aufzupolieren. In wundervollen und fast märchenhaften Bildern beschreibt Müjdeci die Annäherung zwischen Aslan und Sivas, den beiden wilden und gedemütigten in einer dunklen Nacht in einem abgelegenen Wald.


© la Biennale di Venezia
Starke Bilder der Kameramänner Armin Dieroff und Martin Hogsnes Solvang in “Sivas”.  ©Biennale di Venezia





Immer wieder finden Müjdeci und seine Kameramänner Armin Dieroff und Martin Hogsnes Solvang einprägsame und traumsequenzartige Bilder für ihre gleichnishafte Geschichte, die sich mit dokumentarischen Bildern abwechseln. Der Himmel hängt bedeutungsschwanger und tief. Fließend wechselt die Kamera von Landschaftstotalen auf Close-Ups. In den Gesichtern sucht sie nach den Beziehungen zwischen diesen Menschen und ihrer Umwelt.
Hauptdarsteller Doğan Izci, wie alle anderen im Film nur ein Laiendarsteller, entpuppt sich als tragender Held der Geschichte als wahrer Glücksgriff. Unendlich fein, minimalistisch und gleichzeitig tief dramatisch und unnachahmlich natürlich liest sich in seinem Gesicht die ganze Dramatik der Geschichte. Allein schon seinetwegen lohnt sich der Film.


Basierend auf der 2011 von Müjdeci gedrehten Dokumentation “Babalar ve Oğullari” (“Fathers and Sons“, hier der Trailer) war der Spielfilm nicht zuletzt wegen seiner expliziten und brutalen Hundekampfszenen schon vor Festivalbeginn besonders bei Tierschützern stark umstritten. Zu Unrecht meint der Regisseur in der Pressekonferenz, denn natürlich gebe es Mittel und Wege, die Szenen zu trainieren und so zu drehen, dass die Hunde keinen Schaden nehmen. Ihre Brutalität unterstreicht und rahmt die harte Welt da draußen, in der niemand überlebt, der nicht schon früh gelernt hat, Zähne zu zeigen. Die Hundekämpfe sind nur ein Extrem der alltäglichen Brutalität, über die sich im Kleinen aber niemand besonders aufregen würde.
SuT
Sivas“, Regie: Kaan Müjdeci, DarstellerInnen: Doğan Izci, Çakir, Ozan Çelik, Muttalip Müjdeci, Ezgi Ergin, Hasan Özdemir, Furkan Uyar, Kinostart: 3. Dezember 2015
Sivas” ist eines der Werke, von denen die Jury der 71. Filmfestspiele in Venedig sagt, sie zählten zu den Filmen, die sich mit wichtigen philosophischen und politischen Fragen auseinandersetzen. Der Kreuzberger Filmemacher bekam den “Spezialpreis der Jury”. Außerdem geht der Film als deutscher Beitrag ins Rennen um den Oscar.