Wo die wilden Kerle wohnen
“Das einzige Problem, das wir heute haben, ist die Welt der Männer, weil sie die Ursache allen Übels sind.” (Kaan Müjdeci)
Mit seinem ersten Spielfilm “Sivas” debütierte Regisseur
Kaan Müjdeci direkt im Wettbewerb der 71. Mostra del Cinema di Venezia
neben Regisseuren wie Peter Bogdanovich, Roy Andersson oder David Gordon
Green. Den Berliner Lokalmatadoren kennen die Kreuzberger eher aus der
Oranienstraße, wo der gebürtige Türke mit seinem Bruder das Café Luzia
und den Voo Store betreibt. Seit einiger Zeit widmet er sich seiner
zweiten Leidenschaft, dem Filmemachen.
Der 33-Jährige macht sich in der ländlichen Welt Anatoliens mit ihren
archaischen Gesellschaftsstrukturen auf die Spurensuche nach dem
Prinzip “Mann”. Seit Jahrhunderten herrscht dort eine patriarchale
Ordnung, eine clanbasierte Manneskultur, in der Frauen nur marginal
auftauchen und noch weniger eine Rolle spielen. Und wie um diesen
kulturanthropologischen Aspekt zu belegen, dominieren fast
ausschließlich Männer das Bild in Müjdecis Film. Sie sind laut und wenig
zimperlich. Tritte, Schläge, Flüche, Waffen und Männerrunden, gehören
zu einem Alltag, der nicht im Kern hinterfragt wird. Blutige Hundekämpfe
entscheiden die soziale Rangfolge im Clan. Wie Brüder oder Söhne, sagen
sie, lieben sie ihre Hunde und schicken sie doch in die Schlacht auf
Leben und Tod. Die Idee von Fürsorge ist hier so sanft wie nur ein
Metzger zum Schwein sein kann.
Auch die Mütter packen ihre Kleinen härter an als man vermuten würde.
Aslan ist so ein Kleiner, ein selbstbestimmter Elfjähriger mit
durchdringendem Blick, einem besonders dicken Fell und jeder Menge Kraft
und Liebe. An seiner Seite ist Sivas (dt. Sebastian), ein anatolischer
Schäferhund, der nach einem verlorenen Kampf verletzt sich selbst und
seinem Schicksal überlassen bleibt. Aslan nimmt ihn zu sich, will ihn
zum Freund und hofft gleichzeitig damit seine Stellung auch in der
Klasse und bei seiner heimlichen Liebe Ayse aufzupolieren. In
wundervollen und fast märchenhaften Bildern beschreibt Müjdeci die
Annäherung zwischen Aslan und Sivas, den beiden wilden und gedemütigten
in einer dunklen Nacht in einem abgelegenen Wald.
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| Starke Bilder der Kameramänner Armin Dieroff und Martin Hogsnes Solvang in “Sivas”. ©Biennale di Venezia |
Immer wieder finden Müjdeci und seine Kameramänner Armin Dieroff und
Martin Hogsnes Solvang einprägsame und traumsequenzartige Bilder für
ihre gleichnishafte Geschichte, die sich mit dokumentarischen Bildern
abwechseln. Der Himmel hängt bedeutungsschwanger und tief. Fließend
wechselt die Kamera von Landschaftstotalen auf Close-Ups. In den
Gesichtern sucht sie nach den Beziehungen zwischen diesen Menschen und
ihrer Umwelt.
Hauptdarsteller Doğan Izci, wie alle anderen im Film nur ein
Laiendarsteller, entpuppt sich als tragender Held der Geschichte als
wahrer Glücksgriff. Unendlich fein, minimalistisch und gleichzeitig tief
dramatisch und unnachahmlich natürlich liest sich in seinem Gesicht die
ganze Dramatik der Geschichte. Allein schon seinetwegen lohnt sich der
Film.
Basierend auf der 2011 von Müjdeci gedrehten Dokumentation “Babalar ve Oğullari” (“Fathers and Sons“, hier der Trailer)
war der Spielfilm nicht zuletzt wegen seiner expliziten und brutalen
Hundekampfszenen schon vor Festivalbeginn besonders bei Tierschützern
stark umstritten. Zu Unrecht meint der Regisseur in der Pressekonferenz,
denn natürlich gebe es Mittel und Wege, die Szenen zu trainieren und so
zu drehen, dass die Hunde keinen Schaden nehmen. Ihre Brutalität
unterstreicht und rahmt die harte Welt da draußen, in der niemand
überlebt, der nicht schon früh gelernt hat, Zähne zu zeigen. Die
Hundekämpfe sind nur ein Extrem der alltäglichen Brutalität, über die
sich im Kleinen aber niemand besonders aufregen würde.
SuT
“Sivas“, Regie: Kaan Müjdeci, DarstellerInnen: Doğan Izci,
Çakir, Ozan Çelik, Muttalip Müjdeci, Ezgi Ergin, Hasan Özdemir, Furkan
Uyar, Kinostart: 3. Dezember 2015
“Sivas” ist eines der Werke, von denen die Jury der 71.
Filmfestspiele in Venedig sagt, sie zählten zu den Filmen, die sich mit
wichtigen philosophischen und politischen Fragen auseinandersetzen. Der
Kreuzberger Filmemacher bekam den “Spezialpreis der Jury”. Außerdem geht der Film als deutscher Beitrag ins Rennen um den Oscar.



