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Thursday, October 15, 2015

Citizenfour von Laura Poitras

Wissen ist Macht” (Francis Bacon)


Edward Snowden steht im Zentrum von “Citizenfour”. © Praxis Films

Francis Bacons Erkenntnis klingt so simpel wie komplex. Im Kern geht es um die Fragen: Wer weiß was worüber oder über wen? Wem dienen die Informationen und welche Konsequenzen haben sie? Allein der Versuch, sich die Dimension solch abstrakter Überlegungen vorzustellen, überfordert die meisten bis heute, trotz unzähliger medialer Enthüllungen und Aufklärungsversuche über verfassungsfeindliche Überwachungsmethoden. Niemand will persönlich betroffen sein, schließlich habe man ja “nichts zu verbergen”, wie es oft eintönig aus politikmüden und bequemen, konsumsatten Mündern heißt. Welch ein Trugschluss diese eindimensionale und von Politikern immer wieder aus Ignoranz oder Scheinheiligkeit zur Verteidigung des Überwachungsstaates in Post 9/11 zurate gezogene Argumentation ist, zeigt Laura Poitras’ Dokumentation “Citizenfour“. Auch im letzten Teil ihrer Trilogie zu den massiven global gesellschaftlichen Veränderungen als Reaktion auf die Angst vor Terror steht wieder ein Mann im Fokus. Den dritten und letzten Teil ihrer Dokumentationsreihe widmet sie Edward Snowden. Dem Mann, der sich neben Roberto Saviano, Julian Assange oder Chelsea (Bradley) Manning einreiht in die Riege der Aufklärer unserer Gegenwart.
Ihn, der nie durch seine Person von den Enthüllungen ablenken wollte, stellt die Regisseurin Poitras in den Mittelpunkt ihrer Recherche um die bedenklichen Entwicklungen in westlichen Demokratien. Er ist der wahrhaftige Zeitzeuge, eine Art lebendes Dokument, das in Echtzeit und in vollem Bewusstsein um Risiken und drohende Konsequenzen “live on tape” vom Zerfall demokratischer Fundamente berichtet. Die Journalistin und Filmemacherin, die durch ihre Arbeit an den Filmen My Country My Country” (->Trailer) und The Oath” (->Trailer) selbst seit 2006 überwacht wird, bettet das auf Video festgehaltene achttägige Aufeinandertreffen in Hongkong zwischen Glenn Greenwald (The Intercept), Ewen Mc Askill (http://www.theguardian.com/profile/ewenmacaskill) und Laura Poitras in den Kontext vorausgegangener Enthüllungen ein, wie denen von Mark Klein und William Binney. Besonders eindrücklich ist darunter wohl der Ausschnitt aus einem Prozessvideo von 2006, in dem ein Richter einem Vertreter des Justizministeriums die Frage stellt, ob es von der Regierung gewünscht sei, dass die Justiz das Feld räume, denn dem käme die Antragstellung auf Verlagerung des Verfahrens an einen nicht öffentlichen Gerichtshof gleich.



Poitras’ Film fühlt sich an wie der Aufruf eines alten Bob Marley Songs: “Get Up, Stand Up …”. 114 Minuten klebt der Zuschauer und vor allem Zuhörer an den im Film noch einmal in den Zusammenhang gestellten und in chronologischer Abfolge geschilderten Informationen. Ein jeder dabei immer wieder im Kopf begleitet von den Worten, die Snowden im Film einmal so bitter sagt: “Das ist kein Science Fiction, das ist real.”
Nach den Premieren in New York, London und in Leipzig startet der Film nun auch bundesweit in den deutschen Kinos. Dabei hätte der Termin nur wenige Tage vor dem 25-jährigen Gedenken an den friedlich erzwungenen Mauerfall symbolhafter nicht sein können. “Es ist wichtig, dass wir aus der Geschichte lernen”, sagt Snowden in einem Grußwort in Leipzig. Mit zivilem Ungehorsam stand ein Volk auf, um sich in den Montagsdemos gegen Repression und Zensur zu stemmen und mit vereinter Kraft aus einer Diktatur zu befreien, in der die Allmacht Stasi Künstler, Querdenker und Kritiker nicht nur überwachte, sondern auch aus dem Weg räumen ließ. Doch was damals galt, gilt offenbar bis heute: “Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser”. Mit Tempora, Prism, Stellar Wind und SSO kommt eine weitaus mächtigere Stasi nun zurück und bringt eine der “schlimmsten Waffen der Unterdrückung, die je gebaut wurden” mit, die 1,5 Terrabyte pro Sekunde sammeln und mit deren Hilfe eine Billion mal pro Sekunde versucht wird, Passwörter zu entschlüsseln, so Snowden. Welche Bedeutung sie für Presse, Bürgerinitiativen, Volksentscheide und den freien Willen des Bürgers, die Mitgestalter einer Demokratie hat, kann nicht zuletzt durch die Ereignisse im Juli 2013 in den Redaktionsräumen des Guardian nur erahnt werden.
Citizenfour” ist wichtig, berührend, klug und mutig und hätte das Zeug zum Straßenfeger. Doch zum Starttermin läuft der Film nur in ausgewählten Programmkinos für ein angestammtes und ohnehin bereits sensibilisiertes Publikum. Es bleibt zu hoffen, dass der Film und seine Erkenntnisse auch darüber hinaus ihre Kreise ziehen.

Citizenfour“, Regie: Laura Poitras, mit: Edward Snowden, Kinostart: 6. November 2014, auf DVD ab 8. Mai 2015


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