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Wednesday, December 09, 2015

“Sivas” von Kaan Müjdeci


Aslan (Doğan Izci) freundet sich mit Hund Sivas an. © la Biennale di Venezia


Wo die wilden Kerle wohnen

“Das einzige Problem, das wir heute haben, ist die Welt der Männer, weil sie die Ursache allen Übels sind.” (Kaan Müjdeci)
Mit seinem ersten Spielfilm “Sivas” debütierte Regisseur Kaan Müjdeci direkt im Wettbewerb der 71. Mostra del Cinema di Venezia neben Regisseuren wie Peter Bogdanovich, Roy Andersson oder David Gordon Green. Den Berliner Lokalmatadoren kennen die Kreuzberger eher aus der Oranienstraße, wo der gebürtige Türke mit seinem Bruder das Café Luzia und den Voo Store betreibt. Seit einiger Zeit widmet er sich seiner zweiten Leidenschaft, dem Filmemachen.
Der 33-Jährige macht sich in der ländlichen Welt Anatoliens mit ihren archaischen Gesellschaftsstrukturen auf die Spurensuche nach dem Prinzip “Mann”. Seit Jahrhunderten herrscht dort eine patriarchale Ordnung, eine clanbasierte Manneskultur, in der Frauen nur marginal auftauchen und noch weniger eine Rolle spielen. Und wie um diesen kulturanthropologischen Aspekt zu belegen, dominieren fast ausschließlich Männer das Bild in Müjdecis Film. Sie sind laut und wenig zimperlich. Tritte, Schläge, Flüche, Waffen und Männerrunden, gehören zu einem Alltag, der nicht im Kern hinterfragt wird. Blutige Hundekämpfe entscheiden die soziale Rangfolge im Clan. Wie Brüder oder Söhne, sagen sie, lieben sie ihre Hunde und schicken sie doch in die Schlacht auf Leben und Tod. Die Idee von Fürsorge ist hier so sanft wie nur ein Metzger zum Schwein sein kann.
Auch die Mütter packen ihre Kleinen härter an als man vermuten würde. Aslan ist so ein Kleiner, ein selbstbestimmter Elfjähriger mit durchdringendem Blick, einem besonders dicken Fell und jeder Menge Kraft und Liebe. An seiner Seite ist Sivas (dt. Sebastian), ein anatolischer Schäferhund, der nach einem verlorenen Kampf verletzt sich selbst und seinem Schicksal überlassen bleibt. Aslan nimmt ihn zu sich, will ihn zum Freund und hofft gleichzeitig damit seine Stellung auch in der Klasse und bei seiner heimlichen Liebe Ayse aufzupolieren. In wundervollen und fast märchenhaften Bildern beschreibt Müjdeci die Annäherung zwischen Aslan und Sivas, den beiden wilden und gedemütigten in einer dunklen Nacht in einem abgelegenen Wald.


© la Biennale di Venezia
Starke Bilder der Kameramänner Armin Dieroff und Martin Hogsnes Solvang in “Sivas”.  ©Biennale di Venezia





Immer wieder finden Müjdeci und seine Kameramänner Armin Dieroff und Martin Hogsnes Solvang einprägsame und traumsequenzartige Bilder für ihre gleichnishafte Geschichte, die sich mit dokumentarischen Bildern abwechseln. Der Himmel hängt bedeutungsschwanger und tief. Fließend wechselt die Kamera von Landschaftstotalen auf Close-Ups. In den Gesichtern sucht sie nach den Beziehungen zwischen diesen Menschen und ihrer Umwelt.
Hauptdarsteller Doğan Izci, wie alle anderen im Film nur ein Laiendarsteller, entpuppt sich als tragender Held der Geschichte als wahrer Glücksgriff. Unendlich fein, minimalistisch und gleichzeitig tief dramatisch und unnachahmlich natürlich liest sich in seinem Gesicht die ganze Dramatik der Geschichte. Allein schon seinetwegen lohnt sich der Film.


Basierend auf der 2011 von Müjdeci gedrehten Dokumentation “Babalar ve Oğullari” (“Fathers and Sons“, hier der Trailer) war der Spielfilm nicht zuletzt wegen seiner expliziten und brutalen Hundekampfszenen schon vor Festivalbeginn besonders bei Tierschützern stark umstritten. Zu Unrecht meint der Regisseur in der Pressekonferenz, denn natürlich gebe es Mittel und Wege, die Szenen zu trainieren und so zu drehen, dass die Hunde keinen Schaden nehmen. Ihre Brutalität unterstreicht und rahmt die harte Welt da draußen, in der niemand überlebt, der nicht schon früh gelernt hat, Zähne zu zeigen. Die Hundekämpfe sind nur ein Extrem der alltäglichen Brutalität, über die sich im Kleinen aber niemand besonders aufregen würde.
SuT
Sivas“, Regie: Kaan Müjdeci, DarstellerInnen: Doğan Izci, Çakir, Ozan Çelik, Muttalip Müjdeci, Ezgi Ergin, Hasan Özdemir, Furkan Uyar, Kinostart: 3. Dezember 2015
Sivas” ist eines der Werke, von denen die Jury der 71. Filmfestspiele in Venedig sagt, sie zählten zu den Filmen, die sich mit wichtigen philosophischen und politischen Fragen auseinandersetzen. Der Kreuzberger Filmemacher bekam den “Spezialpreis der Jury”. Außerdem geht der Film als deutscher Beitrag ins Rennen um den Oscar.


Thursday, October 15, 2015

Citizenfour von Laura Poitras

Wissen ist Macht” (Francis Bacon)


Edward Snowden steht im Zentrum von “Citizenfour”. © Praxis Films

Francis Bacons Erkenntnis klingt so simpel wie komplex. Im Kern geht es um die Fragen: Wer weiß was worüber oder über wen? Wem dienen die Informationen und welche Konsequenzen haben sie? Allein der Versuch, sich die Dimension solch abstrakter Überlegungen vorzustellen, überfordert die meisten bis heute, trotz unzähliger medialer Enthüllungen und Aufklärungsversuche über verfassungsfeindliche Überwachungsmethoden. Niemand will persönlich betroffen sein, schließlich habe man ja “nichts zu verbergen”, wie es oft eintönig aus politikmüden und bequemen, konsumsatten Mündern heißt. Welch ein Trugschluss diese eindimensionale und von Politikern immer wieder aus Ignoranz oder Scheinheiligkeit zur Verteidigung des Überwachungsstaates in Post 9/11 zurate gezogene Argumentation ist, zeigt Laura Poitras’ Dokumentation “Citizenfour“. Auch im letzten Teil ihrer Trilogie zu den massiven global gesellschaftlichen Veränderungen als Reaktion auf die Angst vor Terror steht wieder ein Mann im Fokus. Den dritten und letzten Teil ihrer Dokumentationsreihe widmet sie Edward Snowden. Dem Mann, der sich neben Roberto Saviano, Julian Assange oder Chelsea (Bradley) Manning einreiht in die Riege der Aufklärer unserer Gegenwart.
Ihn, der nie durch seine Person von den Enthüllungen ablenken wollte, stellt die Regisseurin Poitras in den Mittelpunkt ihrer Recherche um die bedenklichen Entwicklungen in westlichen Demokratien. Er ist der wahrhaftige Zeitzeuge, eine Art lebendes Dokument, das in Echtzeit und in vollem Bewusstsein um Risiken und drohende Konsequenzen “live on tape” vom Zerfall demokratischer Fundamente berichtet. Die Journalistin und Filmemacherin, die durch ihre Arbeit an den Filmen My Country My Country” (->Trailer) und The Oath” (->Trailer) selbst seit 2006 überwacht wird, bettet das auf Video festgehaltene achttägige Aufeinandertreffen in Hongkong zwischen Glenn Greenwald (The Intercept), Ewen Mc Askill (http://www.theguardian.com/profile/ewenmacaskill) und Laura Poitras in den Kontext vorausgegangener Enthüllungen ein, wie denen von Mark Klein und William Binney. Besonders eindrücklich ist darunter wohl der Ausschnitt aus einem Prozessvideo von 2006, in dem ein Richter einem Vertreter des Justizministeriums die Frage stellt, ob es von der Regierung gewünscht sei, dass die Justiz das Feld räume, denn dem käme die Antragstellung auf Verlagerung des Verfahrens an einen nicht öffentlichen Gerichtshof gleich.



Poitras’ Film fühlt sich an wie der Aufruf eines alten Bob Marley Songs: “Get Up, Stand Up …”. 114 Minuten klebt der Zuschauer und vor allem Zuhörer an den im Film noch einmal in den Zusammenhang gestellten und in chronologischer Abfolge geschilderten Informationen. Ein jeder dabei immer wieder im Kopf begleitet von den Worten, die Snowden im Film einmal so bitter sagt: “Das ist kein Science Fiction, das ist real.”
Nach den Premieren in New York, London und in Leipzig startet der Film nun auch bundesweit in den deutschen Kinos. Dabei hätte der Termin nur wenige Tage vor dem 25-jährigen Gedenken an den friedlich erzwungenen Mauerfall symbolhafter nicht sein können. “Es ist wichtig, dass wir aus der Geschichte lernen”, sagt Snowden in einem Grußwort in Leipzig. Mit zivilem Ungehorsam stand ein Volk auf, um sich in den Montagsdemos gegen Repression und Zensur zu stemmen und mit vereinter Kraft aus einer Diktatur zu befreien, in der die Allmacht Stasi Künstler, Querdenker und Kritiker nicht nur überwachte, sondern auch aus dem Weg räumen ließ. Doch was damals galt, gilt offenbar bis heute: “Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser”. Mit Tempora, Prism, Stellar Wind und SSO kommt eine weitaus mächtigere Stasi nun zurück und bringt eine der “schlimmsten Waffen der Unterdrückung, die je gebaut wurden” mit, die 1,5 Terrabyte pro Sekunde sammeln und mit deren Hilfe eine Billion mal pro Sekunde versucht wird, Passwörter zu entschlüsseln, so Snowden. Welche Bedeutung sie für Presse, Bürgerinitiativen, Volksentscheide und den freien Willen des Bürgers, die Mitgestalter einer Demokratie hat, kann nicht zuletzt durch die Ereignisse im Juli 2013 in den Redaktionsräumen des Guardian nur erahnt werden.
Citizenfour” ist wichtig, berührend, klug und mutig und hätte das Zeug zum Straßenfeger. Doch zum Starttermin läuft der Film nur in ausgewählten Programmkinos für ein angestammtes und ohnehin bereits sensibilisiertes Publikum. Es bleibt zu hoffen, dass der Film und seine Erkenntnisse auch darüber hinaus ihre Kreise ziehen.

Citizenfour“, Regie: Laura Poitras, mit: Edward Snowden, Kinostart: 6. November 2014, auf DVD ab 8. Mai 2015


Thursday, March 07, 2013

Sakrale Lyrik

“The Fifth Season” von Jessica Woodworth und Peter Brosens


Die Welt ist ein Theater (theatrum mundi). Diese Erkenntnis hatte man bereits im 16. Jahrhundert. Alles Geschehen hat einen Schauwert und dieser ist narrativ reproduzierbar. Bilder, ob gemalte oder fotografierte, Film- oder Theaterbilder,  sind Schauwerte. Sie machen die Geschichten der Welt im Großen wie im Kleinen sichtbar, lassen hineinblicken in globale Lebensläufe und –zusammenhänge, sind Dokumente, Metaphern oder Interpretationen. In Jessica Woodworths und Peter Brosens letztem Teil ihrer Trilogie zum Thema Natur und Umwelt sind diese Bilder apokalyptisch. Bedrohlich kündigen sie den Niedergang einer Gesellschaft an. Die Welt steht Kopf im Film “The Fifth Season“.
Auch in hiesigen Breitengraden steht die fünfte Jahreszeit sinnbildlich für die verkehrte Welt. Narren übernehmen die Herrschaft, um mit teuflischem aber lebenserweckendem Lachen alte Wintergeister zu vertreiben. Im Film dagegen gibt es kein Gelächter, wird die fünfte Jahreszeit zur existentiellen Herausforderung. Ein seltsamer Zauber, ja Fluch hat das Land offenbar in seinem Bann. Der Winter lässt sich nicht mehr mit den herkömmlichen Traditionen vertreiben. Die domestizierte Natur begehrt auf, entzieht sich menschlicher Kontrolle und Beherrschung. Die Routine ist gestört. Zeit und Bilder stehen still, nichts geht mehr. Der Hahn singt nicht mehr, wenn er soll, die Kühe geben keine Milch mehr, wenn sie sollen, selbst der Boden verweigert sich Maschinen, Spaten und Händen. Schnell stoßen unter diesen Voraussetzungen die Menschen an ihre Grenzen und verlieren den Kitt aus ihrem sozialen Gefüge. Auf die Suche nach Erklärungen folgt die Suche nach dem Sündenbock.
In Bildern, die an die sakrale Lyrik eines Caspar David Friedrichs und die Sittengemälde der frühen niederländischen Genremalerei erinnern, beschreibt “The Fifth Season” die Geschichte einer Gesellschaft, die nicht mehr blüht. Einem Wimmelbild ähnlich inszenieren die beiden Regisseure Bild für Bild den Zerfall einer von irrationalen Kräften bedrohten Gesellschaft. Erst nach und nach fügen sich Bewegung, Bild, Musik und Geschichte wie in einem animierten Gemälde zu einem großen Ganzen. Woodworth und Brosens sind zwei herausragende Filmemacher, die mit ihren Filmen oft gleichnishafte Gesamtkunstwerke erschaffen, mit denen sie vor allem eins lehren: Demut.

Tuesday, February 15, 2011


With a little help from my friends? – 10 Jahre Cinema for Peace

Alljährlich werden auf der Cinema for Peace Gala Filme und Projekte ausgezeichnet, die sich für Humanität, Umwelt und Frieden einsetzen. In diesem Jahr erhält Sean Penn den Ehrenpreis für seine Stiftung J/P HRO in Haiti.

Die Nutznießer des Hollywoodglamours, als Spender getarnte Geldanleger und Image-Aufpolierer kann man schnell von den wahren Idealisten des Abends unterschieden. Schon am roten Teppich erklärt Playboy und Partykönig Rolf Eden der Bild, dass er seit 10 Jahren kommt, weil es die glamouröseste Veranstaltung im ganzen Jahr in ganz Berlin sei. Auch er nennt die Veranstaltung noch immer in einem Atemzug mit der Berlinale, die sich schon seit Jahren ausdrücklich von dem Event distanziert. Festivaldirektor Dieter Kosslick wirft der Veranstaltung vor, sich den Ruf durch die Vortäuschung, Teil der Filmfestspiele zu sein, erschlichen zu haben. Auch unterstellt er dem Veranstalter fehlende Transparenz im Umgang mit den Spendengeldern. Der Begründer der Initiative Cinema for Peace erklärt sich die Vorwürfe mit Neid auf den Erfolg der Gala. Im Gegenzug, lanciert er, dass Dieter Kosslick sich für die gute Sache verweigere, weil er einen Phototermin mit Angela Merkel und Sean Penn für das Charity Projekt J/P Haitian Relief Organization ablehne.
Der streitbare Jaka Bizilj, der sich als einer der weltweit größten Konzertveranstalter einen Namen machte, veranstaltet die Benefizgala in diesem Jahr zum 10. Mal. Alle Jahre wieder schmückt er seine Veranstaltung „Cinema for Peace“ mit öffentlichkeitswirksamen Protagonisten, besonders der Hollywood-Prominenz, im Namen der guten Tat. Dem Begründer der Friedens-Initiative ist die Verpackung wichtig, denn nur die, so glaubt er, ermöglicht eine entsprechende Aufmerksamkeit für die eigentlich im Fokus stehenden humanitären Projekte und gesellschaftskritischen Filme.
Die Viereinhalbstundengala besteht aus Prominenz, Auktionen, Preisverleihungen, zwei Music-Acts und "Romanescosalat an Fichtenpuder“, „Lamm, das sich in einem Petersiliensturm verliert“ und einer „Schokolade, die sich in eine Zuckerrübe verliebt“. Die Verpackung soll verführen und das Geld locker machen.
Doch die Spenden gehen nur mäßig ein. Immer wieder zischt der Veranstalter in den Saal und bittet um Ruhe und Respekt für Redner und die Auktionen. 21 Möglichkeiten - auf einer neben der Bühne hängenden Leinwand angeboten - gibt es, Geld für einen guten Zweck zu investieren. Placido Domingo biete ein Dinner an. Elton John will einen Spender mit zur Oscarverleihung nehmen. Domingos Angebot wird bis 22.30 Uhr für 7.000 Euro ersteigert. Elton John erhält das höchste Gebot des Abends mit 17.500 Euro. Humanitäre Projekte, wie die Genocide Film Library Bosnia erhalten ganze 2.250 Euro. Schnell wird klar, hier spendet niemand gemäß dem Gesetz „Reichtum verflichtet“ einzig für den guten Zweck. Die Gebote sind oft wertvolle Geldanlagen oder Trophäen, die kein wirkliches Opfer verlangen, wie es all diejenigen bringen oder erbrachten, die an diesem Abend ihre humanitären Projekte oder Filme vorstellen. Das Elend der Welt flimmert an diesem Abend unentwegt in gleichbleibend verstörenden Bildern und Geschichten über die Leinwand. Doch im Saal bleibt das Gros gut gelaunt und genießt das Socializing mit Freunden und Bekannten und das erhebende Gefühl für den guten Zweck vom Michelin-Stern-Koch aus der Region beköstigt zu werden und selbstlos Geld für feilgebotene Beutestücke, zu opfern. Ein postmodernes Konzept des Ablasshandels. Die wirklichen Opfer bringen hier andere. Doch ohne das Geld der geladenen Gäste geht es nicht, das weiß hier auch jeder. Also spielt jeder mit. Nur, das Geld sitzt am Valentinsabend nicht so locker, wie erhofft. Enttäuschung beim Veranstalter, der einige Auktionen offen lassen muss, weil niemand mitbietet. Nur 112.088 Euro kommen für die 21  Leinwand-Auktionen zusammen, bei denen zum Teil nicht klar ist, in welche Projekte das Geld endgültig fließen soll. 

Bild: Sabine Brauer Photos
Der andere Teil der Spenden, der über Live-Auktionen während der Gala generiert wird, fließt in die am Abend ausgezeichnete Sean Penn Stiftung J/R Haitian Relief Organization, für die auch Anna Loos und Jan Josef Liefers als Botschafter wirken. In einer Auktion wird auf eine Rolle im Film „The Song of Names“ - der mit Anthony Hopkins und Dustin Hoffman in Halle an der Saale gedreht werden soll, geboten, in einer anderen auf Portraitaufnahmen mit Fashionfotograf Michel Comte.
Hin und wieder kommt es zu Vewirrungen, weil unerwartet Sponsoren die Bühne betreten und die Auktionen unterbrechen oder weil scheinbar verkehrte Auktionsartikel auf die Bühne getragen werden. Wie viel für Penns Stiftung zusammen kam, wird am Ende nicht mehr bekannt gegeben, nur, dass bereits am Nachmittag ein Opel (einer der Sponsoren des Abends), 15 Computer und Care-Pakete gegen Cholera gespendet wurden.

Die Preisverleihungen für den wertvollsten Film und die bedeutendste Dokumentation des Jahres gehen im überfrachteten Abend, der Fülle der eilig vorgestellten Projekte, den Auktionen und den Promi- und Sponsoreninszenierungen fast unter.  Natürlich werden die Idealisten beklatscht und für ihren Einsatz gelobt und bejubelt. Es sind bizarre Momente, die zum Teil makaber wirken. Besonders deutlich wird das nach der Dankesrede Frank Piasecki Poulsens, der für seinen Film Blood In The Mobile mit dem Preis für Gerechtigkeit ausgezeichnet wurde. Er spricht sich gegen Gier und für weltweit faire Löhne aus.  Doch Opel-Vizepräsident Alain Visser, der nach ihm auf die Bühne kommt und den Preis für Umweltschutz und Nachhaltigkeit verleihen soll, nutzt seine Gesprächszeit ungeachtet der Vorrede ersteinmal ausgiebig zur Imagepflege Opels und bewirbt die fortschrittlichen Modelle. Der von Opel Project Earth verliehene International Green Film Award verliert sich im Absatz steigernden Product Placement der Spritsparmodelle.
Zum Abschluss beschwören noch einmal ein paar Idealisten das Publikum. Mit dem Joe Cocker Cover With a little help from my friends spielen Silly mit Jan Josef Liefers an der Gitarre und Reamon eine kraftvolle Hymne auf die Solidarität. Sean Penn hatte sich den Titel für den Abend gewünscht. Am Stand der Spendenuhr ändert das allerdings nichts mehr.

Gewinner wertvollster Film
Xavier Beauvois Of Gods and Men

Gewinner wertvollste Dokumentation 
Sebastian Junger Skateistan

Gewinner des International Green Film Award
Stuart Sender Harmony
Lorenz Knauer Jane's Journey

Saturday, January 22, 2011

I'm Still Here (Casey Affleck)
Unknown Pleasures Festivalbericht

Amerikanisches Independentkino zwischen Mummenschanz und „Cinema vérité“

Ausverkaufter Saal am Abschlussabend von unknown pleasures #3 zum Thom Andersen Special L.A. Plays Itself. Überhaupt gab es in diesem Jahr einen bemerkenswerten Zuwachs an Zuschauerzahlen. Im 3. Jahr scheint die Filmreihe ihr festes Publikum gefunden zu haben.
Mit einer geschickten Filmauswahl zeigte Kurator Hannes Brühwiler 2011 eine kluge Mischung von Independentproduktionen, die sich häufig zwischen Dokumentation und Fiktion, zwischen Fake und Reality bewegten.
Am radikalsten kokettierte vielleicht Casey Afflecks und Joaquin Phoenix’ Mockumentary I’m Still Here mit diesem schmalen Grat. Leslie Felperin (Variety) nannte es „die wohl längste und öffentlichste Art-Performance eines Prominenten, die es je gab.“ Als Joaquin Phoenix 2008 nach Beendigung des Filmes Two Lovers das Aus seiner Schauspielkarriere bekannt gab, um eine Hip-Hop-Karriere zu starten, war niemand sicher, wie ernst seine Absichten waren. Schon vor ihm hatten Schauspieler, wie Mickey Rourke, das schauspielerische Terrain verlassen, um in einer zweiten Karriere – in diesem Fall eine Boxkarriere – ihrem eigentlichen Ich zu folgen. Bei Phoenix glaubten viele an einen publicityträchtigen Schwindel. Skeptische Reporter, die sein Vorhaben versuchten als Scherz zu entlarven, wurden mit Fragen, wie: „Wollen Sie damit sagen, mein Leben sei ein Witz?“, verunsichert. Perfekt gekontert! Bizarre Live-Auftritte bei David Letterman oder in Night-Clubs wie dem Lavo machten schließlich allen glauben, Phoenix stecke vielleicht tatsächlich in einer Identitätskrise. Von einem Schwindel keine Spur mehr. Und doch war es wohl beides, ein abgekartetes Spiel und ein bisschen Joaquin Phoenix, „as a product of his ambition“, wie es ein unbekannter vlogger im Film nennt. „Elliptisch“ sei die Beziehung zwischen Wirklichkeit und Fabelei im Film, hätte Casey Affleck in Venedig behauptet, berichtet Felperin. Sind P. Diddy, Ben Stiller oder Letterman sogar Komplizen in diesem Spiel? Wahr ist vermutlich, dass sich Phoenix zwischendurch immer wieder in sich selbst verliert, vielleicht wohl wissend um die eigene Narrenfreiheit seiner Rolle und den Schutz der Kamera. Respekt für die Performance! In den Box Office Zahlen schlug sich der gigantische PR-Gag allerdings, mit weniger als einer halben Million (408,983 US$) Einspielergebnis, bislang eher mittelmäßig aus.


Putty Hill (Matthew Porterfield)
Filmemacher, wie Matthew Porterfield (Putty Hill, Hamilton), Alejandro Adams (Canary), Kentucker Audley (Open Five) oder Thom Andersen (L.A. Plays Itself) inszenieren ihre Filme mit weniger Pomp. Sie ergründen das ‚Reale’ im Fiktiven zwischen „Cinema vértité“ und „Direct Cinema“.
In einer Synthese aus epischem Realismus und klassischer Dokumentationsform wie dem Interview, sucht Matthew Porterfield in seinen Filmen das Authentische in der Vorstadtödnis Amerikas. Filme, wie Putty Hill und Hamilton sind Milieustudien, die das Psychogram einer am Rand lebenden Arbeitergesellschaft abbilden. Porterfield zeigt Menschen, die an der Tristesse ihres bedeutungslosen Alltags ersticken, wo Trauerfeiern in Karaokebars im Kreis fremder Vertrauter stattfinden und junge, arbeitslose Väter Paintball spielend durch Wälder wildern.
Der Trivialität als Schauwert von Wirklichkeit stehen improvisierte Dialoge und präzise Beobachtungen menschlichen Verhaltens, wie im Mumblecoremovie Open Five oder Canary, einem anderen Microbudgetfilm im unknown pleasures Programm, gegenüber. Anders als Coppola, der mit Tetro (Eröffnungsfilm der Reihe) ein beinahe „theatrales Produkt“ entwickelt, in dem er Protagonisten wie Konflikte „bis zur letzten Szene programmiert und beherrscht“ (Martin Daßinnies), lassen Kentucker Audley und Aljandro Adams ihre Figuren frei. In ihrer improvisierten Performance enthüllt sich eine spröde Wirklichkeit, die in Methode und Stil an die „Berliner Schule“ erinnert. Das Echte, das Authentische entblößt sich in präzisen Beobachtungen, in denen sich Gesellschaft im Kleinen spiegelt.
Thom Andersen führt das Spiel um Wahrheit und Fiktion im Film, am Abschlussabend des Festivals, mit seinem Filmessay L.A. Plays Itself schließlich ad absurdum. Im Film, der gleichzeitig Hommage und Satire ist, formuliert Andersen seinen irrsinnigen Anspruch auf ein echtes Abbild, seiner Heimatstadt, der Filmmetropole Los Angeles, im Film. Mit süffisantem Ton demaskiert er Hollywoods prahlerische und groteske Inszenierungen und beschreibt das ‚wahre’ Gesicht der Schauplätze in L.A. und deren Geschichten.

Trash Humpers (Harmony Korine)
Last but not least trieb Harmony Korine diesen Authentizitätsanspruch mit Trash Humpers dialektisch auf die Spitze. Ein aus VHS-Fragmenten bestehendes Vorstadt-Snuff-Video, das als Rentner maskierten Personen folgt, die in norm- und sinnbefreiter Anarchie geil auf Müll sind und albtraumartig und gesetzlos durch ihren Vorort ziehen. Korines Zynismus ist kaum zu überbieten.

Im ferngesteuerten Medienzirkus, in dem Glaubwürdigkeit von Unglaubwürdigkeit kaum zu unterscheiden ist, sucht das amerikanische Independentkino offenbar nach Wegen, persönliche Wahrheiten sichtbar zu machen. Vielleicht, um zu berühren oder um ein bisschen Licht in unsere Höhle voller Schatten zu werfen. Einige Filmemacher bedienen sich dabei klassischer Methoden, während andere die Welt zum Narren halten, um ihnen im Grotesken den Spiegel zu zeigen. Manchmal muss man „sich erst verkleiden, um die Welt zu demaskieren. (Günter Wallraff)

Friday, December 31, 2010

Unknown Pleasures
„Frei von allen Zwängen“
im Babylon Mitte

Vor über 50 Jahren hob John Cassavetes mit „Shadows“ das American Independent Cinema aus der Taufe und prägte damit maßgeblich die Ära New Hollywood und das Cinéma d’auteur. Der neue Weg versprach Selbstbestimmung und eine Unabhängigkeit, frei von allen Studiozwängen. Dafür wurden auch finanzielle Einbußen in Kauf genommen. Kompromisslos Geschichten nach eigenen, individuellen Vorstellungen und Maßgaben zu erzählen, war ausdrücklicher Wille und oberste Priorität.

Im Unterschied zur traditionellen Einwegunterhaltung der Major Film Studios standen hier gewöhnliche Menschen, nicht gesellschaftsfähige Außenseiter, soziale Randgruppen oder Bohemiens und ihre Lebenswelten im Fokus. Bisherige Konventionen wurden auf den Kopf gestellt, klassische Erzählstrukturen durchbrochen und bewährte Genregrenzen neu ausgerichtet.

Mit Jim Jarmusch in den 80er und Spike Lee, Steven Soderbergh oder Quentin Tarantino in den 90er Jahren gelang dem Genre schließlich der Sprung in den Mainstream. Nicht zuletzt waren dafür Boxoffice Hits wie Sex, Lies and Videotapes oder Pulp Fiction verantwortlich. Die unbeugsamen Filmemacher, ihre Stories und ihre Hingabe zum cineastischen Detail, die in mancher Hinsicht in orgiastischen Bilderfluten mündete, wurden zum Vorbild der Generation X und so zum neuen Mainstream.

Fast 30 Jahre später ist nun eine neue Generation junger unabhängiger Filmemacher nachgewachsen. Darunter Aaron Katz, das „enfant terrible“ Harmony Korine, Joe Swanberg oder die Safdie Brüder. Und auch das Genre entwickelte sich weiter und brachte Bewegungen wie das Mumblecore hervor. Mit digitalen Handkameras und einfachen Techniken holten die leisen Rebellen eine sinnliche Bescheidenheit und unaufdringliche Ästhetik in den unabhängigen amerikanischen Film zurück, in dessen Zentrum häufig die Sinnfragen der in die Jahre gekommenen Generation X und die Poesie der Gewöhnlichkeit rückten.

Hannes Brühwiler, Organisator und Kurator von unknown pleasures holt den American Independent Film nun das 3. Jahr in Folge nach Berlin. Viel versprechend startet gleich der erste Tag im neuen Jahr mit einer Regie-Legende. Francis Ford Coppola eröffnet unknown pleasures mit seinem jüngsten Film Tetro. Coppola, dessen gesamte Karriere vom Versuch gekennzeichnet war, „Unabhängigkeit zu erlangen, von Geldgebern wie von künstlerischen Vorgaben“ (Hannes Brühwiler), steht programmatisch für die hier ausgewählten Filme. Der komplett selbst finanzierte Film Tetro ist großes Kino mit Vincent Gallo und Klaus Maria Brandauer in den Hauptrollen und erzählt ein Familiendrama um Macht, verlorene Bindungen und die Befreiung von alten Geistern. „The movie is graced with touches of the old Coppola magic.” (Tim Robey, The Telegraph) Ein Muss für Cinephile, denn der Film hat bislang keinen Verleih und wird wohl auch keinen finden. (SA 1.1. 19:30; MI 5.1. 21:15; MO 10.1. 19:30)

Mit Steven Soderberghs und Casey Afflecks neuen Filmen sind zwei Biographien im Programm. And Everything Is Going Fineschildert in Archivbildern das Leben des viel beachteten Storytellers Spalding Gray (1941-2004). (DI 4.1. 19:30; DO 6.1. 22:00; SA 8.1. 20:15)


Die Deutschland Premiere I’m Still Herezeigt Hollywoodstar Joaquin Phoenix auf dem Weg zum Hip Hop Künstler. Inzwischen heißt es, der Film sei ein durch und durch inszenierter Bluff gewesen, eine Mockumentary.
(MO 3.1. 19:30; MO 10.1. 21:45; MI 12.1. 21:15)


Großartig sind auch die neuen Filme der jungen Filmemacher, die u.a. 2011 durch die Safdie Brüder, Matthew Porterfield mit Hamiltonund „Putty Hill oder Gregg Arakis Groteske Kaboomvertreten sind.

Zwei Spezialprogramme sind den derzeit wichtigsten unabhängigen Regisseuren der USA Thom Andersen und John Gianvito gewidmet, deren politische Filme es viel zu selten auf die Leinwand schaffen. Ihre aktuellen Filme stellt unknown pleasures in den Kontext ihrer frühen Arbeiten.

Mit Trash Humpers(zu deutsch: Müllficker) hat das Festival wohl einen der verstörendsten und streitbarsten und damit wohl auch zwanglosesten Filme im Programm. Bekannt für seine albtraumartige Bildersprache schuf der oft als enfant terrible“ bezeichnete Filmemacher und Autor Harmony Korine mit seinem neuen Film einen Trash-Horror aus Nashville/Tennessee, der an die Fotografien William Egglestons oder dessen Videos aus den 70-er Jahren Stranded in Canton erinnert. Und doch ringt Korine seinen derangierten Misanthropen Augenblicke der tiefen Berührung und bizarrer Poesie ab.

Eine postapokalyptische Freakshow, deren Vorbild auch bei dem frühen John Waters zu finden ist. Oder mit den Worten eines Sonderlings im Film gesprochen: „The grizzly facts of what civilization had done to us.“ (SA 1.1. 22:00; DI 4.1. 21:15; FR 7.1. 20:30)

www.unknownpleasures.de/

Wednesday, October 01, 2008













JERICHOW
D/ 2008 93min
Director: Christian Petzold
Cast: Benno Führmann, Nina Hoss, Hilmi Sözer

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Threesome in Jerichow (Venezia 65 in Concorso) or “Without money you can’t love”

Almost every film critic present in Venice remarked the connection between Christian Petzold’s contribution in competition “Jerichow” and James M. Caines “The Postman always rings twice”. And I feel obliged to join them in their observations.
It was through a reading a newspaper story whilst directing his former film “Yella”, that Petzold got the idea for his “Jerichow” screenplay, which focuses on Germany’s presence, where wage labour is no longer available or has reached a destructive exploitative status.
Ali, a half bald and slightly overweight self-made man is a “don’t trust anybody”. His paranoid character is confined to control anyone and anything at any time – especially his wife or his employees. The German with Turkish roots has built up his own business running takeaway street stands with Asian and Turkish food around Jerichow, a small town in between the Saxon’s no man’s land. Accidently one night he meets Thomas, a reticent and silent ex-soldier who has furnished himself impromptu in his late mother’s house. After the army dishonourably dismissed him he worked on a cucumber farm transitionally, as a so called cucumber - flyer. Lying hidden in the green harvest with a few other labourers they reap cucumbers all day long riding up and down the field for only a few Euros. Thomas appears to have the demeanour of a person that Ali could possibly begin to trust. But by offering him a job in his company Ali unwittingly grants Thomas admission into his life and thereby Laura’s, Ali’s wife. Bound together through a chain of pendency and obsession they get tangled up in their own intricately woven spider web of lies, passion and desperation. They are prisoners trying to escape their maze to build up a nest. Christian Petzold already considered as one of the refined directors of northern Europe calls it “Homeland-Building”.
Nastily that Homeland-Building at least for Laura - a real ex-prisoner, desperately lost in debts - seems cruelly linked to money, which results in her having to surrender her dreams and settle for a life with Ali.
Petzold believes MONEY to be the films invisible protagonist though unwillingly, he claims in an interview. “I had the feeling that the money has slowly crept into the film, through the pictures and between the characters.” Besides the fact that Jerichow tells a story about betraying - not only others but also yourself – it is a film about surrender while contemporarily trying not to give up. Therefore his blues portray a picture of an almost drowning society with only a few sparks of hope, where life is asking for continual sacrifices.
Compared to his former ghost stories Petzold leads his new film “Jerichow” into a kind of reality fiction about impossible love stories in a lurching society though with his typical gloomy shapes of melancholy.